Zur Fotoserie "mobil" von Matthias Lukoschek
Fotografie ist längst ein bedeutender Bestandteil der bildenen Kunst geworden. Schon zu Ende des 19. Jahrhunderts war sie willkommener Ersatz für das Skizzenbuch, und bald wurde sie zum eigenstädigen Medium der Kunst. Heute erlebt die Fotografie eine ungeahnte Hochblüte. Manch ein Theoretiker spricht und schreibt vom Ende der Malerei. Das ist natürlich Unsinn, aber erkennbar ist, dass Fotografie ein ganz eigenständiges Ausdrucksmittel der bildenen Kunst geworden ist.
Fotografie ist ein Massenmedium, öffentlich wie privat. Aber, um Kunst entstehen lassen zu können, gehören Können und Stilwillen, Gestaltungskraft und technische Beherrschung zur Grundausstattung des künstlerisch tätigen Fotografen.
Ich habe Matthias Lukoschek nie gefragt, ob er Künstler sein oder Kunst produzieren wolle. Ist auch egal. Was Kunst ist, muss sowieso jeder für sich entscheiden. Für mich sind die fotografischen Arbeiten von Lukoschek Bestandteil der Gegenwartskunst.
Matthias Lukoschek hat das Fotografieren studiert und gelernt. Er war dann Student an der Münchener Hochschule für Fernsehen und Film und wurde Kameramann für Spiel- und Dokumentarfilme, vor allem für Produktionen des Bayerischen Fernsehens.
Zur Arbeit des Kameramanns gehört es, dass er mit vielerlei Verkehrsmitteln von einem Ort zum anderen und zurück oder zum nächsten Drehort fährt. Matthias Lukoschek sitzt auf diesen vielfältigen Routen von und zu Dreharbeiten am liebsten auf dem Beifahrersitz. Der Blick ist unscharf, weil die Gedanken woanders sind. Die Fotokamera ist in den Händen auf dem Schoß und so sehr ein Teil des Körpers wie die Filmkamera am Drehort.
Der Blick wird müder. Die Monotonie des Fahrens oder besser: des Gefahrenwerdens verlagert die Tiefenschärfe, manchmal auch auf die Windschutzscheibe mit ihren Schlieren, Wischerspuren, Waschwachsresten und Insektenkadavern. Der Asphalt zieht sich hin, die Rücklichter und Landschaftsfragmente, die Verkehrsschilder und die Leitstreifen strukturieren das ästhetische Empfinden und lassen den Fotoapparat in Aktion.
"On the road again". Die Fotografien von Matthias Lukoschek sind eher Werke eines Kameramanns als die eines Fotografen. Nicht umsonst sind die meisten Bilder im Querformat oft sogar breitwandig aufgenommen. Wenn sie trotzdem der Realität gleichsam "entrückt" erscheinen, liegt das an der kreativen Beherrschung der Technik. Die unbelichteten Filme wurden auf Heizkörpern künstlich gealtert, um diese einmalig ungesättigte Farbqualität zu erreichen. (Weitere Geheimnisse sind nur vom Künstler selbst zu erfahren.) Jedenfalls sind die Fotos nur mit einem Normalobjektiv aufgenommen und wurden nicht mit Computer nachbearbeitet. Sie wurden per Tintenstrahl 1:1 vom Originalnegativ auf die Leinwände gedruckt, die wir in den Ausstellungen vor uns sehen. Von jeder Aufnahme gibt es nur 4 Ausdrucke. Gerade die Präsentation von Fotografien im gemäldegroßen Format betont und unterstreicht ihre Qualität.
Viele Bilder, die man in ihrem gängigen Albumformat anschaut, wirken eher amateurhaft, eben weil sie wie beliebige Schnappschüsse anmuten. Aber die Herausforderung kommt nach der bildwürdigen Vergrößerung: Rahmen oder nicht. Viele Bilder sind ohne Rahmen arm und verloren. Die RaodMovieBilder von Matthias Lukoschek brauchen die Rahmen nicht. Sie behaupten sich auch so und für sich selbst.
Lukoschek hat natürlich Bezugspunkte in der Kunstgeschichte. So beruft er sich gern auf die "Fensterbilder" des tschechischen Fotografen Josef Sudek. Auch wenn die Menschen fehlen, fallen natürlich die Stimmungen ein, die Hopper so unvergesslich gestaltet hat, auch Filme von Wim Wenders oder das Gefühl, das einen selbst überwältigt, wenn man neben einem Busfahrer stundenlang durch die nordafrikanische Wüste reist: hellwach und doch benommen, geradezu trunken von der nur eingeschränkt bewussten Monotonie des Halbschlafs: einfach MOBIL. Schauen Sie die Bilder von Matthias Lukoschek so an: gleichzeitig als flüchtige Momente äußerer Eindrücke, an die man sich kaum jemals erinnern wird, aber auch als Erinnerungen an einen Film, den Sie jedes Mal sehen, wenn Sie lange Strecken auf der Autobahn fahren.
Am besten hören Sie aus dem Autoradio die "Doors" oder Bob Dylan oder den Soundtreck von Kubricks "2001-Odysee im Weltraum" an. Sie werden schon mit der Musik im Kopf vor diesen Bildern von Matthias Lukoschek das wunderbare Gefühl haben, wieder auf der Straße von irgendwo nach nirgendwo zu sein.
Wolfgang Längsfeld
2003
Der Berg
Schrecken und Faszination
Bettina Hausler
Das Buch gibt Auskunft über ein wahrhaft gewaltiges Bildmotiv, bei dem sich kunstgeschichtliche Grundideen mit kulturgeschichtlich fesselnden Aspekten zu einem vielseitig unterhaltenden Thema verbinden.
Pressestimmen
NZZ am Sonntag
"Während der letzten 20 Jahre ist eine eigentliche Renaissance der Alpen zu beobachten, von der politischen Aktion über die Landart bis zur aufwendigen Puplikation. Die bayerische Kunsthistorikerin Bettina Hausler hat ihr prächtiges Bilder-Buch in diesen Kontext gestellt und beschreibt in ein eindrücklicher Weise den über die Zeit hinaus gebannten Blick auf den Berg, gesehen von Goya, Wolf, Turner, Vallotton, dem Fotografen Lukoschek und anderen Hochbegabten."
NZZ am Sonntag